Ronny_Kaufmann

«Die Energiebranche sollte entscheidungs- und risikofreudiger werden»

Interview mit Ronny Kaufmann, CEO Swisspower AG, im energate messenger vom 17. März 2017

Herr Kaufmann, Swisspower verbindet aktuell 23 Schweizer Stadtwerke. Welches Potenzial hat Swisspower?
Bei uns sind Energieversorger willkommen, die unsere unternehmerische Vision teilen und in ihrer Unternehmensstrategie auf Geschäftsmodelle der erneuerbaren Energien, Sektorenkopplung, der Energieeffizienz und der Innovation setzen. Wir sind überzeugt, dass Querverbundunternehmen ideal geeignet sind, die Energiezukunft massgeblich zu prägen.

Wie wichtig sind Kooperationen für die Branche?
Der Energiesektor wird früher oder später eine Konsolidierung erfahren. Kleine und mittlere EVU werden kluge Kooperationen eingehen oder vom Markt verschwinden. Aber auch die grössten Schweizer Versorgungsunternehmen sind im europäischen Kontext nicht gross. Das Kooperationspotenzial von Swisspower wächst mit dem Leidensdruck der Branche.

Wie schätzen Sie die Konkurrenz ein, beispielsweise durch Trianel?
Initiativen, die Kooperationen im Energiesektor fördern, finde ich gut. Ich sehe Trianel nicht als Konkurrentin, sondern wünsche mir, dass auch Trianel Erfolg hat.

Die Energiebranche gilt als konservativ und gemächlich. Wie ist Ihre Sicht?
Die Branche müsste aus meiner Sicht entscheidungs- und risikofreudiger werden. Gerade jetzt ist das sehr wichtig, da das Kerngeschäft wegzubrechen droht. Öffentliche Unternehmen haben es allerdings an sich – teilweise sicher zu recht – dass sie gemächlich vorgehen. Wenn aber die Veränderungsfähigkeit nicht zunimmt, wird das eine oder andere Unternehmen hart landen.

Ist betreffend Dynamik ein Wandel feststellbar?
Die Richtung stimmt. Allerdings muss man als Führungsperson eines öffentlichen Unternehmens die eigenen Unternehmensentscheide in Antizipation der politischen Akzeptanz treffen. Die Politik ist bekanntlich kein Innovationsmotor und hat wenig bis keinen Risikoappetit. Wenn wir unser Energiesystem wirklich erfolgreich umbauen wollen, müssen wir deshalb auch die heutigen Governance-Strukturen anpassen.

Swisspower hat bereits 2012 den Masterplan 2050 verabschiedet. Wie schwierig war es, diesbezüglich eine gemeinsame Linie zu definieren?
Der Masterplan wurde bereits vor meiner Zeit bei Swisspower verabschiedet. Hier gilt es, den damaligen Verantwortungsträgern zu danken. Der Swisspower Masterplan ist keine Reaktion auf die Nuklearkatastrophe von Fukushima, sondern eine Konsequenz der Eigentümerstrategien der Swisspower Stadtwerke selbst. Die Städte verstehen sich seit jeher als progressive Kräfte. Mit dem Swisspower Masterplan 2050 dokumentieren wir, dass die Energiewende nicht nur wünschbar, sondern auch technisch machbar und nach wirtschaftlichen Grundsätzen finanzierbar ist.

Swisspower hat sich ebenfalls schon früh zur Energiestrategie 2050 bekannt. Weshalb?
Das erste Massnahmenpaket der Energiestrategie 2050 ist ein guter Anfang, gibt die richtige Richtung vor und schafft sichere Rahmenbedingungen für Investitionen in erneuerbare Energien.

Aktuell wird vermehrt über eine Neugestaltung des Strommarktdesigns diskutiert. Was ist Ihre Meinung dazu?
Ich bin nicht glücklich darüber, wie diese Diskussion aktuell geführt wird. Die derzeitigen Schnellschüsse einiger Akteure in der Strombranche bringen aus meiner Sicht nichts. Ein künftiges Marktdesign muss festlegen, was die Schweiz unter Versorgungssicherheit versteht. Es sollte gleichzeitig nicht die erneuerbare Stromproduktion in der Schweiz weiter benachteiligen. Das ist heute leider der Fall. Wie auch immer ein neues Marktdesign aussehen wird; zumindest die Grundversorgung mit Elektrizität sollte aus Schweizer Kraftwerken gedeckt sein, die erneuerbaren Strom produzieren.

Swisspower spricht sich für die vollständige Marktliberalisierung aus. Gerade die Stadtwerke profitieren aber vom Status quo. Weshalb also eine Öffnung?
Die Swisspower Stadtwerke müssen sich vor dem Wettbewerb nicht verstecken. Sie sind gut aufgestellt. Ich finde auch, dass eine Kundin oder ein Kunde seinen Dienstleister selber auswählen können darf. Aber: Zum aktuellen Zeitpunkt wäre eine vollständige Marktliberalisierung volkswirtschaftlicher Unsinn. Denn so was wie einen freien Markt gibt es heute überhaupt nicht. Eine allfällig vollständige Marktliberalisierung in der Schweiz muss an ein Stromabkommen mit der EU geknüpft werden.

Swisspower hat kürzlich mit der Innovationsplattform ein neues Projekt lanciert. Welche weiteren Projekte sind in der Pipeline?
Swisspower Innovation ist ein Ideenlabor. Wir starten mit mindestens acht Swisspower Stadtwerken. Gemeinsam mit IBM, Siemens, ABB, der Migros, der EPFL und weiteren Partnern wollen wir neue Geschäftsmodelle und Dienstleistungen realisieren. Daneben haben wir zahlreiche Projekte in der Pipeline. Wir werden uns zum Beispiel an einer Entwicklungsgesellschaft beteiligen, die erneuerbares Gas produzieren soll. Zudem führen wir aktuell auch Gespräche mit Unternehmen und Organisationen über die Möglichkeiten der Blockchain-Technologie im Kontext der dezentralen Energieversorgung der Zukunft.

Gas geniesst nicht gerade einen besonders guten Ruf. Zu recht?
Nein. Es ist einer der grössten Fehler der Energiepolitik, dass der Energieträger Gas in eine falsche Ecke gedrängt wird. Gerade mit dem begrüssenswerten Ausbau der volatilen Stromerzeugung mit Wind und Sonne wird das Gasnetz als saisonales Speichermedium eine ganz entscheidende Rolle einnehmen müssen. Leider wird die Power-to-Gas-Technologie regulatorisch immer noch benachteiligt. Wir setzen uns dafür ein, dass dies im Rahmen der Revision des Stromversorgungsgesetzes korrigiert wird.

Am 31. März findet zum ersten Mal der Schweizerische Stadtwerkekongress statt, den Swisspower mit Partnern organisiert. Weshalb?
Wir wollen mit dieser Erstdurchführung das Thema Energie in seiner ganzen Breite aufgreifen. Denn Städte sind die Innovationslabore der Energiewende. In urbanen Räumen lebt rund die Hälfte der Erdbevölkerung. Der grösste Teil des Abfalls fällt in Städten an. Kluge Mobilität, nachhaltige Raumplanung, smarte Wohnformen und intelligente Informations- und Kommunikationsvernetzung können in Städten entwickelt und ausprobiert werden. All dies managen heute unsere Stadtwerke. Mein Motiv für den Stadtwerkekongress war es, Menschen zusammenzubringen, um über diese Themen zu diskutierten. Wir haben deshalb den Stadtwerkekongress gemeinsam mit unseren Partnern und Sponsoren als exklusive Plattform konzipiert. Es gibt noch einige wenige Plätze. Es lohnt, dabei zu sein. Die Energiewende findet Stadt.